„…, die nicht über den Tellerrand schauen.“

„…, die nicht über den Tellerrand schauen.“

Claudia Mondry

Im Frühjahr 1993 wurde mir von meinem damaligen Arbeitgeber, aufgrund von Rationalisierungsmaßnahmen, gekündigt. So ging ich zum Arbeitsamt, um mich auf die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz zu machen. Dort schlug mir die Sachbearbeiterin eine Stelle bei der AWO im Flüchtlingswohnheim Davenstedter Straße 109 an. Ich freute mich sehr, da diese Arbeitsstelle nicht weit von meiner Wohnung entfernt war. Auf die Frage der Sachbearbeiterin, ob ich denn keine Angst hätte dort zu arbeiten, reagierte ich irritiert. Wovor sollte ich Angst haben? Vor Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind? Das konnte ich nicht verstehen. Erst als ich zu Hause war, wurde mir bewusst was sie meinte: Brandanschläge oder andere Taten gegen geflüchtete Menschen. Denn 1993 herrschte in Deutschland wieder eine Stimmung gegen Flüchtlinge.

Im Mai 1993 trat ich dann meine neue Stelle im Wohnheim an und habe die Zeit dort nicht bereut. Es gab viele nette Bewohner und wenn man sich nicht gleich verstanden hat, wurden Hände und Füße eingesetzt. Ja und irgendwann funktionierte die Kommunikation dann auch.

Anfang 1995 wurde meine Vollzeitstelle auf eine Teilzeitstelle reduziert. Mir wurde ein Arbeitsplatz in einem anderen Arbeitsbereich angeboten, in dem ich heute noch tätig bin und die Teilzeitstelle im Wohnheim wurde mit einer jungen Frau besetzt, die auch heute noch – wie ich – bei der AWO tätig ist.

Ich finde es traurig, dass sich die Geschichte hier immer wieder wiederholt, denn damals wie heute, gibt es Menschen, die nicht über den Tellerrand schauen und meines Erachtens eine beschränkte Sicht- beziehungsweise Denkweise haben. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass in Deutschland unsere „Geschichte der Vergangenheit“ endlich Vergangenheit wird.