„Ich wollte zur AWO“

„Ich wollte zur AWO“

Fatma Taspunar, AWO Mitarbeiterin

Wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind aufgerufen, Menschen anzusprechen, die „Geschichten mit Herz“ zu erzählen haben. Ich streue nun diese Information in den diversen Gruppen, in denen ich tätig bin. Dabei habe ich selbst auch eine „Geschichte mit Herz‘“ zu erzählen. Nämlich, dass es eine Mitarbeiterin der Arbeiterwohlfahrt war, die mich auf die Idee brachte, soziale Arbeit zu studieren. Und wie das Schicksal so wollte – genau mit dieser Mitarbeiterin teilte ich Jahre später ein gemeinsames Büro.

Wie alles begann: Jahr 1988, 12. Klasse der Oberstufe IGS-Mühlenberg. Eine Mitschülerin hat mich zu einer Veranstaltung der dortigen „Familienhilfe“ der Stadt Hannover (jetzt Kommunaler Sozialdienst) eingeladen. Es würde dort ein Tanzabend mit türkischem Roma stattfinden.
Hintergrund: Die Mitarbeiterinnen dort hatten an einer Fahrt nach Istanbul, in den Stadtteil Sulukule, dem Viertel der Roma, teilgenommen.

In den Stadtteilen Mühlenberg und Oberricklingen, dem Einzugsgebiet der „Familienhilfe“, wohnten überdurchschnittlich viele Familien, die aus diesem Viertel stammen. Türkische Romas sind für ihre Feste und Feiern bekannt.

Nach dem Vortrag über die Reise sollte ein Roma-Fest stattfinden. Während des Vortrags ist mir eine kleine, sehr sympathisch aussehende Frau aufgefallen; ihre Beine baumelten vom Stuhl herunter. Sie stellte sich als Ayfer Gönen, Mitarbeiterin der AWO Jugendwerkstatt Nadelöhr, vor und berichtete über ihre Arbeit und zur besonderen Situation der türkischen Frauen in Deutschland. Ich war fasziniert von dem, was die sie über ihre Arbeit erzählte. Bis dahin hatte ich nicht mal gehört, dass es einen Beruf als Sozialarbeiter gibt. Ich hatte ganz andere Pläne für die Zeit nach dem Abitur. Nach dieser Veranstaltung stand für mich fest, dass ich Sozialarbeiterin werde. Ohne Zeit zu verlieren, bin ich zum BIZ-Berufsinformationszentrum gegangen und habe mich über den Beruf genauer informiert. Zwei Jahre später war ich Studentin der Sozialarbeit an der Fachhochschule Hildesheim.

Mein erstes Praktikum habe ich bei der Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Hannover e.V., Beratungsstelle für türkische und jugoslawische Arbeitnehmer und deren Familien, absolviert. Hier traf ich wieder Ayfer Gönen, die mich als Schülerin schon so beeindruckt hatte.

Noch während meines Studiums im Jahr 1993 hatte Dogan Yavuz, mein Praktikumsanleiter, angefangen, sich um die älteren Migranten zu kümmern. Immer mehr Klienten der Beratungsstelle erreichten das Rentenalter und hatten mit spezifischen Problemlagen zu tun. Aber die Beratungsstelle war nicht für ältere Menschen zuständig, so dass die türkischen Senioren keine Anlaufstelle hatten. Dogan Yavuz sprach mich an, ob ich gegen ein Honorar eine türkischsprachige Seniorengruppe aufbauen und leiten wolle. In dieser Gruppe könnten dann deren spezifische Probleme besprochen werden. So starteten wir im November 1993, noch während ich Studentin war, unsere erste Gruppe für türkischsprechende Senioren.

Nachdem ich mit dem Studium fertig war, stand die Frage nach einer Stelle für das Anerkennungsjahr. Leider hatte die AWO damals keine Stelle frei.

So trat ich eine Stelle in einem Kindergarten der Stadt Ronnenberg an. Doch hier war ich sehr unglücklich, weil das Betriebsklima dort sehr angespannt war. Als ich nach einem sehr frustrierenden Tag nach Hause kam, bekam ich einen Anruf: Dirk von der Osten, der damalige Stellenleiter der Beratungsstelle, in der ich mein Blockpraktikum absolviert hatte, fragte, ob ich Lust hätte, zur AWO zu kommen. Eine Kollegin vom Nadelöhr würde für zwei Jahre in den Mutterschutz gehen. Das erste Jahr würde als Anerkennungsjahr anerkannt, danach würde ich noch ein Jahr Berufserfahrung sammeln können. Ich war sprachlos! Der Anruf kam genau in dem Augenblick, in dem ich überlegte, mir eine andere Stelle zu suchen. Selbstverständlich wollte ich zur AWO!

Nach einem Bewerbungsgespräch, an der auch Ayfer Gönen, die Mitgründerin vom Nadelöhr, anwesend war, habe ich am 1. Februar 1995 im Nadelöhr bei der AWO angefangen zu arbeiten. Die Frau, die mich Jahre davor unwissentlich dazu brachte, Sozialarbeiterin zu werden, wurde meine Kollegin. Wir teilten uns sogar eine Zeitlang das Büro und Schreibtisch. So schließt sich ein Kreis.

Die Kollegin, für die ich als Vertretung eingestellt wurde, kam nicht wieder zurück, so dass ich geblieben bin. Es waren wunderbare Jahre im Nadelöhr – die Werte Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit wurden tagtäglich in den verschiedenen Arbeitsfeldern, sei es in der Werkstatt, in den einzelnen Frauengruppen, während der Beratung, zwischen den Kolleginnen und den Klientinnen gelebt.

Nach diversen Arbeitsbereichen und Projekten arbeite ich nun seit Ende 1999 im Bereich der Interkulturellen Seniorenarbeit. Im Jahr 2000 konnten wir unsere erste interkulturelle Begegnungs- und Beratungsstelle für Senioren in der Nordstadt eröffnen.

So schließt sich noch ein Kreis. Die Personen, die ich als Studentin noch in der Beratungsstelle und in den verschiedenen Gruppen des Nadelöhr und in der ersten Seniorengruppe kennengelernt hatte, konnte ich nun als Sozialarbeiterin in der Interkulturellen Begegnungs- und Beratungsstelle für Senioren wiedersehen. Schon nach kurzer Zeit kamen deutsche, türkische, bosnische, kroatische, serbische, ukrainische, tunesische, russische, iranische, irakische ältere Menschen unter einem Dach zusammen. Ohne die Grundwerte der AWO, die wir als Hauptamtliche verinnerlicht haben und den ehrenamtlichen Mitarbeitenden und den Besuchenden vorleben, können wir diese Menschen nicht erreichen.

Als Anerkennung für unsere Arbeit wurde die Interkulturelle Seniorenarbeit im Jahr 2008 mit dem ersten Preis im europaweiten Wettbewerb „Aktives Altern und soziale, kulturelle und wirtschaftliche Integration älterer Menschen mit Zuwanderung in Europa“ ausgezeichnet.

Seit nunmehr 23 Jahren arbeite ich bei der und für die AWO und habe davon keinen Tag bereut.