Mein Opa, die AWO und ich

Mein Opa, die AWO und ich

Gisela Müller-Westerhoff

Am 3. Februar 1951 erblickte ich, Gisela Müller-Westerhoff geborene Müller, das Licht der Welt. Hineingeboren in eine sozialdemokratische Familie, teilten sich meine Eltern eine Zwei-Zimmerwohnung in der Gottfried-Keller-Straße 16 mit den Großeltern väterlicherseits. Die Wohnverhältnisse waren beengt, für die damalige Zeit aber nicht unüblich.

Aber zurück zu den Anfängen. Mein Opa Otto wurde am 9. November 1884 in Altona-Ottensen – heute ein Stadtteil von Hamburg – geboren. Wie bei Glas- beziehungsweise Flaschenmachern üblich, zog man von Hütte zu Hütte. Die Familie Müller siedelte um nach Berlin-Lichtenberg und Opa arbeitete in der Stralauer Glashütte. Dort leitete er auch jahrelang einen Glasmacher-Gesangverein. 1907 lernte er meine Oma Emma Lippert kennen. Ebenfalls aus einer Glasmacherfamilie in Gerresheim. 1908 wurde geheiratet und 1909 wurde das erste Kind, eine Tochter, geboren. Zehn Jahre später kam noch ein Sohn dazu, mein Vater.

Bis 1926 lebten alle in Berlin. Dann folgte mein Opa einem Ruf des ehemaligen Fabrikarbeiterverbandes – heute IGBCE – nach Hannover. Man bezog eine geräumige Wohnung in den neu gebauten Gewerkschaftshäusern Grünewaldstraße27 sowie Holbeinstraße 2 und 3.

Dann änderten sich die Zeiten. 1933 folgte der Rauswurf aus der Grünewaldstraße 27. Die Braunhemden standen vor der Tür und innerhalb weniger Tage musste die Wohnung verlassen werden. Mit viel Glück bekam die Familie eine Wohnung in der 1919 gegründeten Wohnungsgenossenschaft Gartenheim in der Gottfried-Keller-Straße 16. Der Umzug wurde mit dem Handwagen vorgenommen. Seit dem 1. Mai 1903 Mitglied der SPD, Mitglied in der AWO und Gewerkschafter – das war den Nazis zu viel. Er wurde später inhaftiert und galt bis zu seinem Tod als Verfolgter des Naziregimes.

Heim Freundschaft 1952
Otto Müller, links, Herr Kunkel und Helga Tobias 1952
Der Wäsche- und Veranstaltungsplatz 1952

Mein Großvater war maßgeblich am Aufbau des „Heim Freundschaft“ in der Gottfried-Keller-Straße 26 beteiligt. Die Fläche war riesig und in der Nachbarschaft befand sich ein großer Platz zum Wäsche trocknen. Auch Konzerte englischer Soldaten haben dort stattgefunden. So war es nicht verwunderlich, dass ich dort in den Kindergarten gehen sollte. Ich war zum damaligen Zeitpunkt Einzelkind und sollte mit anderen Kindern aufwachsen. Morgens um 5 Uhr ging Opa Müller aus dem Haus und machte Feuer im Kindergarten, damit es die Kinder schön warm hatten.

Im Kindergarten gab es etliche „Tanten“ – so wurden die Erzieherinnen damals genannt – die sich um die Kinder kümmerten. Ich habe es bei den „Tanten“ nur vier Wochen ausgehalten. Tante Margot konnte ich nicht ausstehen. Da machte ich mich lieber fünf Häuser weiter auf den Weg nachhause, um bei Mutti, Oma und Opa zu sein. Papa war ja arbeiten. Ich ging lieber pfeifend bei Opa an der Hand in den Garten neben der später gebauten Gottfried-Keller-Schule.

1954 durften meine Eltern und ich dann wieder in die Gewerkschaftshäuser ziehen. Mein Opa zog 1964 nach dem Tod der Oma zu uns. Mit seinem Freund Fritz Sennhold – auch ein langjähriges AWO Mitglied – besuchte er viele Jahre den Altenclub im Heim Freundschaft. Opa war zu dem Zeitpunkt schon erblindet. Er starb 1974.

Als ich kurz vor Opas Tod meine erste eigene Wohnung bezog, gab es in dem Haus eine Vizewirtin namens Margot Z. Vizewirte sorgten in Genossenschaftswohnungen für Ordnung im Haus. Als junges Mädchen wurde man besonders beobachtet. Bei späteren Gesprächen stellte sich heraus, dass sie meine Tante Margot aus dem AWO Kindergarten war. So schließt sich der Kreis. Seit über dreißig Jahren bin ich nun selbst Mitglied der AWO und im Ortsverein Hannover List ehrenamtlich engagiert.