Mit Fotografie zur Integration

Mit Fotografie zur Integration

Daniel Appel

Die soziale Arbeit mit Jugendlichen empfinde ich als sehr wichtig. Momentan arbeite ich zwar im Personalbereich der AWO, aber darum soll es in meiner Geschichte nicht gehen. Vielmehr möchte ich hier eine Geschichte aus meinem vorherigen Arbeitsbereich erzählen, die mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Meine Geschichte beginnt im Herbst 2016. Damals kümmerte ich mich zusammen mit einem Kollegen bei der AWO um das Projekt „Die Brücke“. Es ging darum, mit Jugendlichen zwischen 18 und 27 Jahren, berufliche und private Perspektiven für die Zeit nach dem Jugendintegrationskurs zu entwickeln. Dafür haben wir mit Elementen der Potenzialanalyse, aber auch biografisch gearbeitet. Zu dieser Zeit kam eine große Anzahl Geflüchteter nach Deutschland, die Jugendintegrationskurse waren entsprechend voll und das Bedürfnis der Teilnehmenden nach Perspektiven groß.

Neben den beruflichen Themen ging es auch um die persönliche und gesellschaftliche Integration der Jugendlichen. Oft waren sie ohne ihre Familie hier und fühlten sich sehr allein. Da in den Integrationskursen viele verschiedene sprachliche Gruppen vertreten waren, fanden sich zwar gelegentlich kleine Gruppen mit der gleichen Muttersprache zusammen – für viele Jugendliche war die sprachliche Vielfalt aber ein großes Hindernis beim Austausch mit den anderen Teilnehmenden. Gerade vor diesem Hintergrund war für sie die individuelle Beratung rund um das Thema Ankommen und Anschluss sehr wichtig. Hobbies und Interessen boten hier Ansatzpunkte, um die Jugendlichen mit Gleichgesinnten in Hannover zusammenzubringen und sie damit ein Stückchen mehr in die Gesellschaft zu integrieren.

Ein junger Mann ist mir hier besonders im Gedächtnis geblieben: Sein Name war Nikolaos. Er kam als EU-Migrant aus Griechenland und tat sich aufgrund seiner zurückhaltenden Art und der Sprachbarriere in der Gruppe sehr schwer. In der biografischen Arbeit fanden wir heraus, dass er gerne fotografiert und schon einige Erfahrung mit der Fotografie hatte. Entsprechend haben wir mit ihm nach Vereinen für Hobbyfotografen in Hannover gesucht, jedoch nur wenig geeignete Angebote gefunden. Es mangelte zwar nicht an Gruppen – viele der Fotografievereine hatten allerdings recht hohe Zugangshürden. Eher durch Zufall stießen wir bei unseren Recherchen auf eine Fotogruppe in der Region, die sich auf Naturfotografie spezialisiert hatte. Besetzung, Altersschnitt und Internetpräsenz ließen allerdings eher auf den Schützenverein eines 300-Seelen-Dorfes schließen, als auf ein kreatives Umfeld für junge Fotografiebegeisterte. Konsequenterweise fotografierte die ganze Gruppe auch noch ausschließlich analog.

Ohne lange zu überlegen, stellten wir dennoch den Kontakt her – was hatten wir zu verlieren? Und entgegen unserer Erwartungen meldete sich ein Vertreter der Gruppe zeitnah zurück, freute sich über das Interesse des Nachwuchsfotografen und lud Nikolaos direkt zum nächsten Fotoausflug ein. Eine erste Rückmeldung von Nikolaos war positiv – dann endete unsere Arbeit mit der Gruppe allerdings auch schon.

Ein knappes Jahr später habe ich Nikolaos zufällig bei einer Ausstellungseröffnung wiedergetroffen – und hätte ihn fast nicht wiedererkannt: Ein offener, aufgeschlossener junger Mann, der mir mit beeindruckenden Deutschkenntnissen von seiner konzeptionellen Arbeit an der Ausstellung erzählte. Er war zwischenzeitlich zum Kassenwart des Fotografievereins gewählt worden, hatte sich in die analoge Fotografie eingearbeitet und erzählte voller Begeisterung davon, wie viel Unterstützung ihm von Seiten der Vereinsmitglieder zuteil geworden war. Nicht nur fotografisch, sondern auch beim Ausfüllen von Formularen, bei Behördenterminen, dem eigenen Umzug und der Ausbildungsplatzsuche. Das Fotografieren in der Gruppe hatte ihm geholfen, in der Region Fuß zu fassen.

Auch der Verein profitierte von seinem mit Abstand jüngsten Mitglied: Waren einige Vereinsangebote über die Zeit eingeschlafen und der Vereinsalltag eher festgefahren, konnte Nikolaos einige Mitglieder für Aktionen begeistern, die seit rund zwanzig Jahren nicht mehr auf dem Programm standen, wie zum Beispiel das nächtliche Fotografieren von Wildschweinen.

Allzu oft wissen wir nicht genau, welchen Weg die jungen Erwachsenen nach unseren Angeboten einschlagen. Umso schöner ist es, wenn wir Teilnehmende manchmal zufällig nach Monaten oder Jahren wiedertreffen und sehen, dass die eigene Arbeit einen Beitrag zum Gelingen ihres weiteren Lebenswegs geleistet hat. Im Fall von Nikolaos hat mich das von Herzen gefreut – und mich darin bestärkt, dass meine Arbeit für andere einen echten Mehrwert bietet.